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Bericht über den Aufenthalt in Japan zur Recherche für das Projekt "Japanese Copper Production from the 17th to 19th Centuries: Administrative, Social, Political and Technical Foundations"

Im Rahmen des Teilprojekt zur japanischen Kupferproduktion hielt ich mich vom 22. Mai bis 18. Juni in Japan auf. Ich war Gast der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Kobe bzw. ihres "Research Institute for Economics and Business Administration". Dieses Institut hat ein "Sumitomo Liaison Office", in dem mir die zuständige Frau Sekiguchi sehr viel Material rausgesucht und Listen mit weiterem Material erstellt hat, das sich in Bibliotheken auf dem Campus befindet.

Einiges von dem, was hier im Sumitomo Liaison Office steht, hatten wir für das Projekt schon kaufen können. Andere, ältere Serien und eine Spezialzeitschrift konnten wir dagegen in Deutschland nicht mehr bekommen. Diese Materialien habe ich gesichtet und alles Wichtige kopiert. Eine weitere Quelle für seltene und vergriffene Materialien ist der Nachlass von Kobata Atsushi, dem japanischen Historiker, der die meisten Bücher und Artikel zur Geschichte des Bergbaus und des Geldes in Japan veröffentlich hat. Dieser Nachlass befindet sich in der Stadtbücherei eines Vorortes von Fukui und ist deshalb für die Öffentlichkeit ohne weiteres zugänglich. Ein ausgezeichneter Katalog und ein freundliches Kopierteam ermöglichten es mir, innerhalb eines Tages alle relevanten Materialien aus dem Nachlass zu sichten und zu kopieren.

An der Universität Kobe gibt es zwar das "Sumitomo Liaison Office", aber niemanden, der zum Thema Bergbau in Japan forscht. Nach dem Tod von Kobata gibt es ohnehin nur wenige japanische Historiker, die sich mit Themen beschäftigen, die für unser Projekt relevant sind. An erster Stelle ist hier Imai Noriko zu nennen, Vize-Direktorin des Sumitomo-Forschungsinstituts in Kyoto. Sie ist auf das Thema der Kupferverhüttungsstätten in Osaka spezialisiert. Weiterhin beschäftigt sich Nagazumi Yoko mit dem Außenhandel in der Edo-Zeit. Sie ist nach letzten Informationen am Tôyô Bunko, einem Forschungsinstitut in Tokyo, das sich mit asiatischer Geschichte beschäftigt.

Durch das Liaison Office wurde ich einem Assistenzprofessor vorgestellt, der sich mit der Wirtschaft der Edo-Zeit, besonders mit dem Reismarkt, beschäftigt. Dieser Assistenzprofessor empfahl mir wiederum mich mit Ogi Shinichiro in Verbindung zu setzen, der ein Buch zur Sozialgeschichte von Bergbausiedlungen verfasst hat. Nach einem E-Mail-Kontakt erklärte Prof. Ogi sich sofort bereit, mich an der Universität Kochi zu empfangen. Zwar beschäftigt er sich derzeit mit einem Projekt, in dem es um die Wanderungsbewegungen von Menschen innerhalb Südost- und Ostasiens von 14.-16. Jahrhundert geht, aber er hat nach wie vor Interesse am Thema Bergbau und hat unserem Projekt auch in Zukunft seine Hilfe angeboten.

Am ersten Wochenende des Aufenthalts fuhr ich nach Niihama. Das Gebiet der ehemaligen Kupfermine Besshi der Firma Sumitomo gehört heute zu dieser beschaulichen Kleinstadt. Mit dem Zug ist Besshi etwas über 3 Stunden von Kobe entfernt, so dass ich früh am Morgen hin und am Abend zurückfahren konnte. Zwar ist dort vom eigentlichen Bergbau kaum noch etwas übrig, aber es gibt ein interessantes, kleines Museum, das Sumitomo Kupferbergbau Museum. Dort war ich am Nachmittag und habe mich etwas mit dem Museumsleiter und seinem Vize unterhalten können. Allerdings gibt es im Museum kein Originalmaterial mehr, das ist alles im Sumitomo-Forschungsinstitut in Kyoto. Lediglich ein paar Fotos aus dem 19. Jahrhundert konnten mir die Museumsangestellten zeigen. Damals waren die gesamten Berge erschreckend kahl, abgeholzt für die Kupferverhüttung. Heutzutage sind die Berge wieder voller Bäume, dafür sind die ganzen alten Holzgebäude verschwunden.

Es gibt zwar einen Touristenbus, mit dem man in die Berge fahren kann, um sich die paar kleinen Überreste des Bergbaus (z.B. zwei Stolleneingänge) anzusehen, aber der fährt nur Morgens um 9:00 und Abends um 18:00 Uhr. Da ich kurz nach 10:00 in Besshi ankam und um 17:30 wieder abfuhr, konnte ich diesen Bus nicht nutzen und bin stattdessen zu Fuß in die Berge gelaufen. Die Berge in Besshi sind unglaublich steil. An einer Stelle gibt es noch ein paar Reste des alten Weges, auf dem mit Ochsenkarren das Kupfer ins Tal gebracht wurde. Der schlängelte sich in endlosen Serpentinen die steilen Berge hinunter. Bis zu diesem Ochsenkarrenweg wurde das Kupfer in Körben auf dem Rücken getragen. Männer hatten in ihren Tragen 45kg, Frauen 30kg auf dem Rücken.

Ansonsten gibt es im Museum in Besshi, von dem es leider keine richtigen Katalog sondern nur eine kleine Broschüre mit einigen Fotos gibt, viele alte Werkzeuge aus der Edo-Zeit, eine Kiste mit 100 kin/jin in Kupferstäben schön genormt für den Export und ein Originalexemplar der Rechungs- und Handbücher, die wir für das Projekt in editierter und gedruckter Form gekauft haben.

Der Ausflug nach Besshi diente mir vor allem dazu, einen Eindruck von den geographischen Gegebenheiten vor Ort zu gewinnen. Heutzutage kann man vom Festland aus einfach mit dem Zug nach Besshi fahren, weil es eine große Brücke von insgesamt 9,4 km Länge auf die Insel Shikkoku gibt, auf der Besshi liegt. In der Edo-Zeit wurde das Kupfer mit Schiffen vom Hafen von Niihama zur Verhüttung nach Osaka transportiert. Die Berge, in denen das Kupferbergwerk lag, ragen sehr plötzlich aus der Ebene auf, in der die Stadt Niihama mit ihrem Hafen liegt. Ein Modell im Sumitomo Kupferbergbau Museum erklärt, wieso sich die Berge dort so steil und plötzlich auftürmen. An der Nordseite von Shikkoku treffen zwei tektonische Platten aufeinander; auf der einen am Wasser gelegenen Platte ist alles eben (dort liegt die Stadt Niihama), wo die andere Platte anfängt, türmen sich steile Berge (dort liegt Besshi). Im Museum gibt es zudem ein 3-D Modell des gesamten Bergwerks, an dem man sehen kann, dass der zentrale Berg der Mine eine einzige riesige Kupferblase gewesen sein muss, die jetzt von viele Stollen und Schächten durchzogen ist, stellenweise mehr als 700m unter dem Einstieg.

Neben Besshi waren die beiden Hauptlieferanten für Exportkupfer in der Edo-Zeit die in der Präfektur Akita gelegenen Bergwerke Ani und Osarizawa. In Ani gibt es außer einigen vermauerten Stolleneingängen keinerlei Überreste, die einen Besuch lohnen würden, deshalb habe ich mich bei meinem Aufenthalt in Akita auf den Besuch von Osarizawa beschränkt. Dort ist ein großer Teil der ersten Ebene der ehemaligen Kupfermine begehbar und zu einer Art Museum ausgebaut worden. Man läuft einen circa 2km langen Kurs durch den ehemaligen Hauptstollen und sieht dabei u.a. auch einige der kleinen Seitenstollen, die in der Edo-Zeit gehauen wurden. Diese heißen Tanuki-Stollen (Tanuki = eine japanische Dachsart), weil sie so eng sind. Sie sind kaum 50cm breit und vielleicht 70cm hoch. Bergleute sind Kopf voran auf dem Hintern da hineingerutscht (Das entsprechende Rutschkissen aus Stroh, das an den Hintern gebunden wurde, ist im Museum neben der Mine ausgestellt.). Dann haben die Bergleute sich umgedreht und liegend nach vorne weitergearbeitet. An einigen Stellen im Museumsstollen ist zudem der Bergbau der Edo-Zeit mit Puppen nachgestellt.

In einigen Seitenstollen von Osarizawa findet man Anzeichen dafür, dass sich in den Bergwerken im Norden japanische Christen versteckt hatten (z.B. in Stein gehauene Kreuze). Christentum war in Japan offiziell seit 1638 verboten, aber wenn diese Bergleute technische Kenntnisse hatten und gut gearbeitet haben, dann konnten sie sich wohl in den Bergwerkssiedlungen verstecken bzw. wurden toleriert.

In einem separaten Museum vor dem Eingang zum Stollen sind einige Originalwerkzeuge aus dem vermutlich frühen 19. Jahrhundert ausgestellt. Neben Hämmern, Meißeln, den beschriebenen Strohkissen für den Hintern, Tragekörben, usw. ist dort auch eine der simplen Pumpröhren ausgestellt, mit denen in der Edo-Zeit die Stollen und Schächte entwässert wurden. Auch eine typische Vorrichtung, mit der das Kupfer auf Ochsenrücken transportiert wurde (leider eine Nachbildung) ist dort zu sehen.

Ein weiterer, sehr aufschlussreicher Tag war mein Besuch in Innai. Dort gab es in der Edo-Zeit eine große Silbermine. Auf den ersten Blick hat dies nichts mit dem Kupferbergbau zu tun, aber in Innai gibt es noch ein paar Überreste der Mine und der sie umgebenden Siedlung. Durch den Kontakt zu einer Frau, die im örtlichen Mini-Museum arbeitet, wurden mir zuerst die alten Karten und Fotos von der Bergwerkssiedlung aus dem 19. Jahrhundert gezeigt, dann fuhr ich mit der Frau vom Museum zu den Überresten der Siedlung. Außer einigen Fundamenten von Häusern ist kaum noch etwas übrig, aber auf dem nahe gelegenen Friedhof kann man an den Grabsteinen sehen, dass auch hier wieder versteckte Christen lebten (angezeigt durch das Zeichen für Himmel auf dem sonst völlig unauffälligen Grabstein). Zudem ist oft verzeichnet wo die Leute her kamen. Auf diesen Grabsteinen kann man sehen, dass sich in der Bergwerkssiedlung Leute aus ganz Japan und zum Teil sehr entfernten Gebieten gesammelt haben.

Ein Arzt, der im 19. Jahrhundert in der Siedlung in Innai gelebt hat, hat ein Tagebuch geschrieben, das veröffentlich ist. Ein japanischer Historiker hat dieses Tagebuch ausgewertet, so dass wir jetzt viel über das Alltagsleben in einer Bergwerkssiedlung der Edo-Zeit wissen, z.B. was die Leute gegessen haben, welche Krankheiten sie hatten, wie alt sie wurden, in welchen Familienverhältnissen sie lebten, wie das Zusammenleben organisiert war, etc. Das ist sehr interessant und für unser Projekt auch deshalb zu gebrauchen, weil die Siedlungen um die Bergwerke herum vermutlich ähnlich waren, egal ob Kupfer oder Silber abgebaut wurde.

Gegen Ende meines Forschungsaufenthaltes war ich dann schließlich noch im Sumitomo Forschungsinstitut in Kyoto. Das war zwar auch sehr interessant, aber um es gleich vorweg zu nehmen, als Nicht-Angehöriger dieses Instituts kommt man an keinerlei Originalunterlagen aus den Sumitomo-Archiven ran. Ich hatte mich mit der stellvertretenden Leiterin des Instituts, Frau Imai Noriko, verabredet, weil sie viel zum Thema der Izumiya-Raffinerie in Osaka gearbeitet hat. Sie hat mich mit einigen ihrer schwerer zugänglichen Publikationen versorgt. Zudem zeigte sie mir das kleine Museum auf dem Sumitomo-Anwesen, das wie das ganze Anwesen für die Öffentlichkeit eigentlich nicht zugänglich ist. Darin sind einige für unser Forschungsprojekt interessanten Exponate ausgestellt. Neben vielen alten Karten und Bildrollen gibt es dort ein Modell der Izumiya-Raffinerie in Osaka, an dem man sehen kann, wie die Raffinerie in der Edo-Zeit ausgesehen und funktioniert hat. Diese Raffinerie wurde Anfang der 1990er, als das darüber stehende Gebäude abgerissen und neu gebaut wurde, archäologisch erforscht. Sumitomo hat diese ganze Ausgrabung dokumentiert und ich konnte die relevanten Teile dieses Berichts kopieren. Heute steht an dieser Stelle allerdings nur noch in einer Ecke ein Gedenkstein und ein paar Keramiken, die die Ausgrabung zutage gefördert hat. Ansonsten ist Land in der Innenstadt in Japan viel zu teuer, als dass man dort eine archäologische Stätte einfach unbebaut lassen könnte.

Während des vierwöchigen Japan-Aufenthaltes ist es mir so gelungen, fast alle Materialien zum Projekt zu sichten und zu kopieren, die in Deutschland bzw. von Deutschland aus nicht verfügbar sind. Mit Prof. Ogi und Frau Imai habe ich zudem Kontakte zu den beiden Wissenschaftlern herstellen können, die sich derzeit am besten mit der Materie auskennen. Abgerundet wurde der Forschungsaufenthalt durch die Besuche von relevanten Museen (z.B. Bergbaumuseum Akita, Sumitomo Kupferbergbau Museum Besshi) und die Besichtigungen relevanter Überreste des japanischen Bergbaus in Besshi, Osarizawa und Innai.

Bilder der Japanreise von Anke Scherer

Bild 01 (106KB)
Dieses Bild zeigt so genannte "marudô", also runde Platten aus raffiniertem Kupfer. In dieser Form wurde Kupfer aus den Raffinerien in Osaka auf dem innerjapanischen Markt gehandelt. Die Farbe dieser Platten erklärt, warum Kupfer in der Edo-Zeit auch als "akagane", also "rotes Metall", bezeichnet wurde.

Bild 02 (80KB)
Auf diesem Bild aus der Edo-Zeit ist die Bergwerkssiedlung um die Kupfermine von Osarizawa in der heutigen Provinz Akita zu sehen.


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